Lisa Tetzner - Oberlausitzer Bauerngarten Jonsdorf

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„und das sage ich dir:
     Man kann im Leben nie genug geben, merke dir das.....
Und wir dürfen nie fragen, was man uns zurückgibt.
Nein, daran darf man niemals denken.“


Lisa Tetzner

Märchenerzählerin und Kinderbuchautorin


Im August 2007 wurde die Erinnerungstafel an Lisa Tetzner eingeweiht.Gegenüber  befindet sich das ehemalige Sommerhaus „Wiesental“der Familie Tetzner.
 Kindheit und Jugend

Als Tochter des Zittauer Arztes Arthur Tetzner und seiner Frau Frida geb. Held wurde Lisa Tetzner am 10.11.1894 in Zittau geboren. Sie hatte eine sorglose und behütete Kindheit. Im Alter von elf Jahren erkrankt Lisa an einer Kniegelenksentzündung, die schließlich zu einer Versteifung des linken Knies führt. Erst nach etlichen Jahren im Bett, bzw. im Rollstuhl, kann sie wieder frei gehen.

Ihr Urgroßvater hatte 1848 auf den Barrikaden gekämpft, wurde danach inhaftiert und später rehabilitiert. und als hochgeachteter Abgeordneter und Bauernvertreter in den Norddeutschen Bund gewählt. Die Großmutter sprach oft und gern von ihm. Dieses Gedankengut machte auf Lisa großen Eindruck und legte den Grundstein für ein tolerantes, freiheitliches Denken. Der Großvater wurde ihr Vorbild, dem sie nachstrebte. Die Hervorhebung der Gesinnung förderte ihre Eigenwilligkeit.
Auch die Großmutter hat mit ihrer liebevollen Art das Leben der kleinen Lisa stark geprägt.
In ihrem Buch „Der Gang ins Leben“ schildert Lisa Tetzner ihre Kindheitsjahre in Zittau und in „ihrem“ über alles geliebten Landhaus im Wiesental in Jonsdorf. Es ist eine frische und bewegende Erzählung ihrer Kindheit. „So sorglos frei und glücklich meine Kindheit war, so kompliziert und unklar war ein Teil meiner Jugend.“
Danach wird Lisa Tetzners Entwicklung zur kritischen Jugendbuchautorin offensichtlich. Obwohl der Vater dagegen ist, besucht die immer noch gesundheitlich labile 19-jährige die Soziale Frauenschule in Berlin, nimmt Kurse in Stimmbildung an Max Reinhardts Schauspielschule und schreibt sich in der Berliner Universität bei Prof. Milan ein, dem Lektor für Vortragskunst. Er ist es auch, der ihre Liebe zum Volksmärchen entdeckt, unterstützt und fördert.

„Vom Märchenerzählen im Volke“

Zum entscheidenden Anstoß für ihren weiteren Lebensweg wird 1917/18 die Begegnung mit dem Verleger Eugen Diederichs, der, umgeben von einem Kreis junger Menschen, in die Wirrnis der damaligen Zeit etwas Neues, Vorwärtstreibendes bringen will. Lisa Tetzner, die sich schon in frühen Jahren der Wandervogelbewegung angeschlossen hat, setzt nun ihre Begeisterung zum Märchen in die Tat um und zieht als Märchenerzählerin durch Thüringen, Schwaben, das Rheinland und Westfalen von Dorf zu Dorf. Ihre Erfahrungen haben ergeben, daß es viele Dörfer gibt, wo kein einziges Kind ein Märchen kennt, weder Rotkäppchen noch Schneewittchen. Sie fühlt sich dazu berufen, diesem kulturellen Notstand ein Ende zu bereiten und die Menschen mit den Ursprüngen ihrer Tradition vertraut zu machen. Dabei bezieht sie sich nicht nur auf deutsche Märchen sondern auf Märchen aus aller Welt. Ihre Märchen erzählt sie schlicht, aber voller Leidenschaft. Überall wo sie hinkommt, findet sie eine Unterkunft und Gastfreundschaft. In den regionalen Zeitungen bekommt sie gute Kritiken.
Im Zittauer Museum existieren Aufzeichnungen über ihre Einnahmen und Ausgaben bei Märchenabenden. So ergab beispielsweise ein Märchenabend in Zittau einen Reingewinn von 13 Mark, ein Märchennachmittag in Jonsdorf 25 Mark. Diese Randbemerkung zeigt, dass mit Märchenerzählen keine Reichtümer zu erwerben waren. Mit Diederichs Hilfe bringt sie das Buch „Vom Märchenerzählen im Volke“ heraus. Auf einer dieser Wanderungen in Thüringen lernt Lisa Tetzner ihren zukünftigen Mann, den Arbeiterschriftsteller und Kinderbuchautor Kurt Kläber kennen, der später unter dem Synonym Kurt Held als Autor von Kinderbüchern wie z.B. „Die rote Zora und ihre Bande“ bekannt werden wird. Mit dem Buch „Im Land zwischen Rhein und Ruhr“ beendet sie 1923 die Berichte von ihren Märchenwanderungen durch Deutschland, die sie aus gesundheitlichen Gründen aufgeben muß.
1924 heiratet sie Kurt Kläber. Das Paar Tetzner/ Kläber führt ein ungewöhnliches Leben. Es ist ein hohes Maß an Toleranz nötig, wenn sich zwei Menschen so unterschiedlicher Charaktere literarischen Inhalten verschreiben. 1927 wurde sie als Leiterin der Kinderstunde an den Berliner Rundfunk berufen. In dieser Zeit unternimmt sie weiterhin große, sehr erfolgreiche Vortragsreisen durch Deutschland und auch durch Österreich und die Schweiz. Die Wohnung in Carona (Schweiz) welche sie aus gesundheitlichen Gründen nicht aufgibt, wird immer wieder ihr Zufluchtsort.

Lisa Tetzner und Kurt Kläber flüchten in die Schweiz

Lisa Tetzner läßt sich von keiner Ideologie vereinnahmen. sondern behält ihre eigene kritische Sichtweise. Sie ist in der Zeit der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten völlig resigniert und lebt in ständiger Sorge um ihren Mann, einen „erbitterten Nazigegner“. Lisa Tetzner und Kurt Kläber sind keine Juden aber Kommunist oder Jude galt gleichviel. Nach einer Reise nach Rußland kritisiert sie die dortige Verneinung des Christentums und den im Gegensatz zur Kirche stehenden Personenkult (Leninmausoleum). Nur wenige Abende vor dem Reichstagsbrand treffen sich in Kläbers Berliner Wohnung in Steglitz J. R. Becher, Leonhard Frank und Bertold Brecht zu einem Gespräch über die Situation. Als der Reichstag 1933 brennt, wird ihr Mann in Schutzhaft genommen. Lisa Tetzner gelingt es, ihn dort herauszuholen. Gemeinsam mit Bertold Brecht, Helene Weigel und deren Kinder flüchten sie nach Carona. Großmütterlicherseits hat Lisa Tetzner eine Verbindung zur Schweiz. Während die Brechts in Carona leben, beginnen Lisa Tetzner und ihr Mann für die jüdische Flüchtlingshilfe in ihrem Dorf Flüchtlingskinder unterzubringen und diese zu betreuen. In der Schweiz hat das Ehepaar Berufsverbot und sie sind auf Einkünfte aus dem Ausland angewiesen. Deshalb unternimmt sie 1934 eine Vortragsreise nach Skandinavien. Als Lisa Tetzner aus dem Norden zurückkehrt, liegt für sie die Arbeitsbewilligung als Schriftstellerin vor. Diese Zustimmung hat sie dem Umstand zu verdanken, daß sie als Kind 2 Jahre im Tessin zur Schule gegangen ist. Jahrelang müssen sie mit einer „vorübergehenden Aufenthaltserlaubnis“ leben. Dieser Zustand belastet sie sehr. Ihr Mann hat keine Möglichkeit seiner journalistischen Tätigkeit nachzugehen. Alle Möglichkeiten Geld zu verdienen hängen von Lisa Tetzner ab. 1938 dürfen ihre Bücher in Deutschland nicht mehr verlegt werden. Dem Ehepaar Kläber-Tetzner wird die deutsche Staatsangehörigkeit aberkannt. Auch die Schweiz droht mit einer Ausweisung. Die Schweiz, die sich als neutrales Land versteht, duldet keine öffentliche Diskriminierung Deutschlands, um nicht mit dem nationalsozialistischen Regime in Konflikt zu kommen. Beide tragen sich mit dem Gedanken in die USA auszuwandern. Thomas Mann, mit dem sie befreundet sind und in den USA lebt, warnt sie vor diesem Schritt.
Mit der Berufung an das Lehrerinstitut der Universität Basel erfüllt sich für Lisa Tetzner ein lang gehegter Traum.


„Die Kinder aus Nr.67“ und „Die schwarzen Brüder“

Selbst bis ins Tessin dringen die Nachrichten vom bestürzenden Geschehen in Deutschland .Vor dem quälenden Hintergrund von Diktatur, Judenverfolgung und Krieg fühlt sie sich aufgefordert die Geschehnisse dieser Zeit für die Jugend festzuhalten. Sie schreibt die Erzählungen zu dem Zyklus „Die Kinder aus Nr. 67“. Diese Bücher sind eine kindgemäße Beschreibung der wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse im Nationalsozialismus. Es ist das umfangreichste und lange Zeit am meisten beachtete Werk der deutschen Kinderliteratur im Exil. Das Geschehen wird an Einzelschicksalen vor Augen geführt. Damit ergeben sich Darstellungsmöglichkeiten für Heldentum, Standhaftigkeit, Solidarität und Widerstandskraft. Hauptfiguren sind zunächst die Kinder aus der Mietskaserne und später auch deren Freunde aus verschiedenen Ländern. Der neunte Band als Blick in eine hoffnungsvolle Zukunft wurde bereits vor Kriegsende geschrieben. Mit dem Titel „Der neue Bund“ will sie absichtlich an die Bibel erinnern. Zitate aus der Heiligen Schrift sollen die Argumentation der Autorin untermauern. Auch ein Pestalozzi-Wort durchzieht als Leitgedanke diesen Band „Wenn wir wollen, dass es in der Welt besser gehe, müssen wir das, was wir dazu beitragen können, selber tun“. Es ist die Vision über ihre Wünsche nach einer Koexistenz verschiedener Völker auf friedlicher Basis, in der kein Volk seine nationale Identität opfern muß. Lisa Tetzners Kinderodyssee wird international stark beachtet und erscheint in 13 Sprachen.
B. Hürlimanns damalige Voraussage hat sich bestätigt als sie schrieb: „Ihre Bücher, die heute eine politische Wirkung haben, werden einst auch einen historischen Wert haben“. Zu den bekanntesten Büchern des Ehepaares Tetzner- Kläber (Held) gehört auch der Jugendroman „Die schwarzen Brüder“ aus dem Jahr 1939. Ausgangspunkt war ein Bericht in einer Chronik von 1832 der über ein Bootsunglück auf dem Lago Maggiore berichtet, bei dem 16 Kaminfegerjungen ums Leben kamen. In diesem Buch wird über arme Tessiner Bergbauern berichtet, die bis Mitte des 19.Jahrhunderts aus Not ihre Söhne als Kaminfegerjugen nach Mailand verkaufen, wobei die Jungen als lebende Besen durch die finsteren Kamine klettern und mit bloßen Händen den Ruß hinunterwerfen. Gegenüber dem Verlag, dem dieser Roman zu grausam erscheint, beruft sich das Ehepaar Tetzner/Kläber auf Charles Dickens. Auch er führte seine jungen und alten Leser bis an den Rand der menschlichen Höllen, ja sogar hinein! Das wichtigste bleibt nur, dass am Ende das Gute siegt, wie auch in den „Schwarzen Brüdern“.

Lisa Tetzner in der Nachkriegszeit

Nach dem Krieg werden Neuausgaben von Lisa Tetzner vorbereitet. Sie besitzt noch immer keine Schweizer Aufenthaltserlaubnis. Selbst eine Einreise nach Deutschland zu ihren Eltern wird ihr nicht gewährt. Erst 1949 erhält sie endlich mit ihrem Mann die Schweizer Staatsbügerschaft. In den folgenden Jahren widmen sie sich wieder ganz ihrer schriftstellerischen Tätigkeit. In den fünfziger Jahren reist Lisa Tetzner nach Deutschland und hält in Bahnhofsbuchhandlungen Vorträge über das Volksmärchen. Die berühmte schwedische Kinderbuchautorin Astrid Lindgreen ist es übrigens, die ihren Kindern aus Tetzners Büchern vorliest. „Wir haben uns zusammen so innig darüber gefreut“, schreibt sie in einem Brief an die Schriftstellerkollegin. „Sie müssen doch wissen, dass Sie seit Jahren für mich eine Idealgestalt sind. Ich habe meinen Kindern all Ihre Bücher vorgelesen“.
In der sowjetischen Besatzungszone können 1949 die ersten fünf Bände als Lizenzausgabe im Sachsenverlag in Dresden erscheinen. Doch dann erregt der sechste Band „Mirjam in Amerika“ auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges den Unmut der Kulturfunktionäre. Lisa Tetzner wird aufgefordert die „ pro amerikanischen“ Textstellen zu verändern und zusätzlich ein rußlandfreundliches Vorwort zu verfassen. Sie weigert sich und betont, daß sie nicht bereit ist, sich einer bestehenden Ideologie unterzuordnen. So wird ihr in der DDR die Druckerlaubnis entzogen. Allgemein kann man auch sagen, daß in Deutschland ihre Bücher wenig Beachtung fanden, weil die Mehrzahl der Erwachsenen damals nicht bereit war, mit Kindern und Jugendlichen wahrheitsgemäß über die jüngste Vergangenheit zu reden.
Lisa Tetzners letztes Lebensjahrzehnt ist ausgefüllt mit Vortragsreisen und schriftstellerischer Tätigkeit. Nach 16 Jahren Unterricht am Kantonalen Lehrerinstitut beendigt sie dort ihre Tätigkeit. Wieder in Carona gibt sie mehrere Märchensammlungen heraus.
In Deutschland werden ihre „unpolitischen Werke“ von der Kritik wohlwollend aufgenommen. 1960 steht ihr Titel „Wenn ich schön wär“ auf der Auswahlliste für den deutschen Jugendbuchpreis. „Was am See geschah“ wird 1956 verfilmt.
Neben ihrer großen schriftstellerischen Anerkennung, die ihr zuteil wird, ist es ihr eine große Freude, sich in den Jahren 1954/55 intensiv um die Planung ihres eigenen Hauses zu kümmern. Sie nennen das Haus „La ca del pan trova“, das heißt Das Haus des gefundenen Brotes. Die Casa Pantrova entsteht auf dem 1936 erworbenen Grundbesitz und wird finanziert von den Einkünften, die Kurt Kläber für die Verfilmung seiner „Roten Zora“ erhalten hat und von dem Geld welches Lisa Tetzner von einer verstorbenen Freundin geerbt hat. 1955 beziehen sie das Haus und stellen es großzügig all ihren Freunden, wie z.B. Anna Seghers, mit zur Verfügung. Wer einmal dort weilte, möchte in diese Begegnungsstätte gern wieder kommen. Es wurde so konzipiert, dass es nach dem Tod des Paares Tetzner/Kläber als Erholungs-und Arbeitsstätte für Schriftsteller dienen soll. Das Ehepaar sieht darin eine Vollendung ihres Schaffens. Als am 9. Dezember 1959 Kurt Kläber einem Herzleiden erliegt, wird sich Lisa Tetzner nie mehr ganz von seinem Verlust erholen. Sie widmet ihre letzte Schaffenszeit ihrem verstorbenen Ehemann und schreibt an ihrer Lebenserinnerung „Das war Kurt Held. Vierzig Jahre ein Leben mit ihm“. Sie setzt ihm damit ein individuelles Denkmal. Es ist das einzige Werk welches sie unter dem Namen Lisa Tetzner-Kläber veröffentlichen läßt. Am 2. Juli 1963 stirbt sie im Krankenhaus in Lugano. Die Trauerrede halten ihr Bruder Hans-Leo Tetzner und ihr „Pflegesohn“ Hansjörg Schmitthenner. Die Urnen von Lisa Tetzner und Kurt Kläber wurden in Carona beigesetzt.

23.04.2017
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